Fußball nervt – schön, dass es ihn gibt!

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Und plötzlich sind wir alle Isländer. Oder Waliser.
Egal.
Irgendein Underdog der Fußballwelt, der die millionenschweren Spieler
aller Herren Länder blass aussehen lässt.
Im Fußball.
Und auch nur für einen kleinen Moment.
Aber das ist egal.
Identifikationsfigur here you are.

Auch die deutsche Mannschaft ist noch im Turnier, und das auf gar nichtmal so schlechte Weise. Aber unsere Herzen haben die Wikinger aus Island und die Waliser von der Nachbarinsel gewonnen.
Vergessen, dass Letztere gerade noch mehrheitlich für den Brexit gestimmt haben und sonst eigentlich auch lieber unter sich sind.
Und die Isländer erst. Eine Nationalmannschaft, zusammengekratzt aus gerademal 100 Profifußballern im ganzen Land. Der Trainer ein Zahnarzt und die Spieler normalerweise Schafzüchter oder Elektriker. Bei Siegesfeiern der hiesigen Clubs wird sich mit Milch anstatt mit Bier oder Champagner überschüttet.
Was für ein Volk.

Wie auch immer sie es geschafft haben, sie lassen uns hoffen, bangen, zittern und jubeln.
Sie begeistern uns.
Wir liegen uns in den Armen wegen Menschen, deren Namen wir bis vor wenigen Wochen noch nie gehört haben und sie bis auf das -son am Ende auch bald wieder vergessen haben werden.
Weil sie ein Tor geschossen haben oder auch zwei.
Weil sie aus dem Nichts kamen und die vermeintlich Großen an der Nase herumführten.
Weil sie uns zusammen feiern lassen, zum Trotz alledem was gerade so in der Welt passiert.

Und genau das ist es.
Jeden Tag neue schreckliche Nachrichten.
Eine schlimmer als die andere und man weiß gar nicht mehr wohin mit sich.
Selbstmordattentate. Bombenanschläge. Terror. Unzählige Toten auf allen Seiten.
Ein beängstigender und abscheulicher Rechtsruck in unserem Land und auftauchende Parolen, von denen man dachte, dass sie seit 70 Jahren für immer aus dem Wortschatz verbannt sein sollten.

Es sind vermutlich nicht die selben, die eben solche Parolen auf Bettlaken pinseln,
um sie auf Demos in die Kameras zu halten und solche, die sich uneingeschränkt
für ein kleines Inselvolk, dessen Bekanntheit aus der Existenz von Schafen und Ponys resultiert, freuen wenn es bei der EM ein Spiel gewinnt.
Aber was bleibt ist die Stimmung.
Und das Gefühl des Gemeinsamen.
Der gemeinsamen Freude für etwas anderes.
Nicht weil es einem Geld bringt oder man sonst irgendwelche
Vorteile für sich daraus ziehen könnte.
Weil es gut tut, einfach mal zu jubeln.
Und wenn es nur auf Grund eines Fußballspiels ist, welches ein Land gewinnt,
dass nicht das eigene ist.

Es tut so gut.

Bald ist die EM vorbei.
Und so sehr ich mich freue, dass dann wieder weniger Deutschlandfahnen
von abgeranzten Balkonen und aus tiefergelegten 3er BMWs hängen,
umso mehr werde ich dieses Gefühl, dass sich für und durch diese Isländer
und Waliser entwickelt hat, vermissen.

Man kann nicht immer jubeln und es ist nicht alles gut.
Ganz im Gegenteil sogar.
Aber genau weil das so ist, ist es so wichtig, dass wir es nicht verlernen.

Ich will mich wieder wohlfühlen hier.
Tut was.
Auch ohne EM.

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Vielleicht

Vielleicht rufst Du noch jemand an.
Vielleicht gehst Du gleich noch raus.
Vielleicht schreibst Du noch die Mail.
Vielleicht triffst Du Dich noch zum Kaffee.
Vielleicht gehst Du mit ins Kino.
Vielleicht arbeitest Du heute länger.
Vielleicht räumst Du auch noch auf.
Vielleicht kaufst Du noch was ein.
Vielleicht liest Du auch ein Buch.
Vielleicht machst Du morgen frei.
Vielleicht fährst Du mal wieder weg.

Vielleicht machst Du nichts so richtig,
aber vielleicht ist Dir das egal.

Was für ein Tag

„Du hättest doch genauso gehandelt, oder?“, fragte sie mich mit unsicherem, aber auf eine Weise auch bestimmten Blick.
„Ja, das hätte ich.“ antwortete ich, fast ohne zu zögern.

Ihr Telefon klingelte. Sie sammelte sich kurz und ging dran.
Ein paar Minuten hörte sie nur zu, was die Person am anderen Ende der Leitung ihr mitteilte. Sie legte wieder auf, schaute mich an und sagte:
„Drei. Drei Leben.“
Ich nahm sie in den Arm und zu ihrer Traurigkeit mischte sich ein Gefühl von Erleichterung und dem guten Wissen, das Richtige getan zu haben.

Es war einen Tag zuvor, als sie Mittags den Anruf erhielt, dass ihr Bruder plötzlich verstorben war. 54 Jahre alt, bis dahin gesund, verheiratet, zwei erwachsene Kinder, Schlaganfall. Aus dem Nichts heraus und für alle überraschend.
Die Reanimationsversuche durch den Notarzt und im Krankenhaus blieben ohne Erfolg und von einem auf den anderen Moment veränderte sich für eine Familie alles.
(Für vier Familien – aber das wusste zu diesem Zeitpunkt noch niemand.)

Sie fuhr sofort ins Krankenhaus, die Frau ihres Bruders bat sie zu kommen – es gäbe etwas zu entscheiden.
Wie man sich fühlt, wenn man gerade auf so plötzliche Weise den Mann, Bruder oder Vater verloren hat, muss ich glaub ich nicht weiter beschreiben – ich könnte es auch gar nicht, weil ich es (zum Glück) noch nicht erleben musste. Aber ich kann es erahnen.
Sie durfte ihren Bruder noch einmal sehen – einmal noch seine Hand halten, einmal noch in sein Gesicht schauen und dann – sich von ihm verabschieden.

Als sie wieder aus dem Zimmer kam, wurde sie schon von ihrer Schwägerin und zwei Ärzten erwartet.
„Wie stehst du zur Organspende?“ wurde sie von den anderen empfangen.
Etwas überrumpelt und die letzten Momente noch verdauend, antwortete sie „Ja… muss man überlegen…“
„Das Problem ist nur,“ unterbrach sie einer der Ärzte, „zum Überlegen haben wir keine Zeit.“
Er blickte in immer noch unsichere und fragende Gesichter.
„Wissen Sie, ihr Bruder… ihr Mann… war bis zu seinem Tod noch sehr fit und seine Organe sind in einem altersgemäßen, aber sehr guten Zustand. Es gibt viele Menschen, die alles dafür gäben ein Spenderorgan zu bekommen. So hart das klingt, aber Sie entscheiden jetzt darüber, ob einem anderen Menschen das Leben gerettet werden kann, oder nicht.“
Der Satz saß.
Organspende. Klar, davon gehört hatten sie schon oft. Aber jetzt selbst diese Entscheidung treffen? Ja oder Nein? Noch dazu für eine andere Person? Und dann so schnell?
Die beiden Frauen sprachen sich eine Weile miteinander ab und gaben den Ärzten dann das Okay. Sie benannten noch zwei Organe, die sie nicht freigeben wollten, bekamen einige Informationen, unterschrieben etwas und dann standen sie wieder alleine da, auf dem Krankenhausflur.
„Wir werden Sie informieren, wenn ein passender Empfänger gefunden wurde.“ gab man ihnen noch mit auf den Weg und „Auch wenn Sie es jetzt noch nicht fühlen können, möglicherweise wird es Menschen geben, die Ihnen unendlich dankbar sein werden.“

Es war ein mulmiges Gefühl, was die Beiden den Rest des Tages und die folgende Nacht begleitete. Neben der Trauer um den verloren Menschen, die Frage ob die Einwilligung richtig war oder nicht. Natürlich war sie richtig, sagten sie sich immer wieder, aber das Mulmige blieb. Und das durfte es auch.

Am nächsten Morgen trafen wir uns zum Kaffee.
Zum Erzählen und Verarbeiten.
Als ihr Telefon klingelte und sie dran ging, war es ihre Schwägerin:
„Gerade eben hat mich das Krankenhaus angerufen. Ein Lungenflügel ist nach Thüringen gekommen, einer ins Saarland und seine Leber nach Niedersachsen. Sie wurden alle noch heute Nacht transplantiert. Die Operationen sind gut verlaufen und jetzt ist nur noch abzuwarten, dass die Organe gut vom Körper angenommen werden.“

Drei Leben.

Und es war, als wäre er da.

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Zusatz: Diese Geschichte ist ziemlich genau so, einer guten Bekannten von mir vor einigen Wochen passiert. Sie ist die Schwester. Als sie mir davon erzählte, beschrieb sie dieses Gefühl, dass obwohl der Tod ihres Bruders für sie weiterhin sinnlos und nur sehr schwer zu akzeptieren ist, es trotzdem irgendwie ein gutes Gefühl ist, dass dadurch zumindest drei anderen Menschen das Leben gerettet werden konnte.
Das bringt den Bruder nicht zurück – aber es gäbe auch nichts, was ihn zurückbrächte, wenn sie sich gegen die Spende entschieden hätten.
Sie sagt rückblickend über den Tag:
„Es gibt eine Familie, für die wird dieser Tag immer ein sehr schlimmer sein – und es gibt drei Familien, für die wird dieser Tag immer einer der schönsten in ihrem Leben sein.“

Ich möchte an dieser Stelle keine Diskussion über Organspende auslösen, das ist ein Thema, was nicht in irgendwelchen Kommentaren abgehandelt werden kann und auch nicht soll. Falls sich hier trotzdem eine entwickeln sollte, werde ich die Kommentarfunktion für diesen Artikel sperren. Jeder kann, darf und soll seine ganz eigene Meinung zu diesem Thema haben – aber es schadet nicht, diese immer mal wieder zu überdenken. Egal in welche Richtung.
Ich möchte hier einfach nur diese Geschichte erzählen, weil sie mich berührt hat und mich in meiner, schon vor vielen Jahren getroffenen Entscheidung für eine Organspende, nochmal bestärkt hat.

(Und wer möchte – es geht ganz schnell und kostet nichts, außer ein bisschen Druckerfarbe: http://www.organspendeausweis.org )

Nur das Beste

Es ist einer dieser Tage, an denen man durch die Stadt geht und alles und jeden, dem man begegnet als fremd empfindet.
Auf einem überdimensional großen Werbeplakat prangt in großen Lettern:
„Alles nur für Sie!“, und ein etwas zu hipper, mittelalter Mann, strahlt mich mit breitem Zahnpastalächeln an. Ich gehe weiter und lese nicht einmal mehr, wovon denn nun alles für mich sein soll.
Scheint aber auch nicht wichtig zu sein. Alles halt.
Auf dem Weg komme ich an einer Filiale eines großen Kaffeerösters vorbei und werde beinahe von einem umkippenden Pappaufsteller vor dem Laden erschlagen.
Ich richte ihn etwas unbeholfen auf und stelle ihn wieder so hin, wie es wohl gedacht war. Eben so, dass man den Slogan „Für Sie nur das Beste!“ nicht mehr überlesen kann.
Etwas nachdenklich gehe ich weiter… ich hätte heute also schon „alles“ und auch noch „nur das Beste“ haben können.
Toll.
Obwohl – Nein.
Eigentlich überfordert mich der Gedanke eher.
Ich möchte gar nicht alles. Und manchmal ist doch auch das zweit- oder drittbeste völlig in Ordnung.
Seltsam nur, dass einem das nie so angepriesen wird.
Aber es ist ja auch nicht schön, zweiter zu werden. Siege zählen.
Sagt man.
Ich fände es großartig, mal irgendwo zweiter zu werden.

Ein vorbeifahrender Bus ist mit der Werbung einer Versicherung beklebt:
„Schlagen Sie zu – sichern sie sich als erster die besten Vorteile!“
Schon wieder nicht als zweiter… aber wieder das Beste.
Immerhin.

Immer weg – denke ich mir nur und mache mich auf den Rückweg.

Ich komme an einem kleinen Mädchen vorbei, das weinend vor seinem, wohl gerade gekauften, heruntergefallenen Eisbecher kniet. Der Eiswagen steht noch ganz in der Nähe.
Ich kaufe einen Becher mit zwei Kugeln und gehe zu dem Mädchen.
Als es mich sieht, hört es auf zu weinen und schaut mich mit großen Augen an. Die letzten Tränen laufen noch ihre Wangen herunter.
„Guck mal hier.“ sage ich und halte hier das Eis entgegen.
Sie strahlt mich an.
„Jetzt pass aber gut drauf auf, okay?“
„Dankeschön, du bist lieb.“ lächelt sie.
„Tschüss und viel Glück dabei.“ verabschiede ich mich und zwinkere ihr zu.
„Ich wünsche dir auch ganz viel Glück!“ ruft sie mir hinterher.
Ich bleibe stehen und drehe mich noch mal zu ihr um.
„ …aber nicht soo viel, damit für die anderen auch noch was da ist.“ fügt sie, immer noch lächelnd, hinzu.

Nun bin ich es, die strahlt.
Sie hat es verstanden, denke ich – das erste Mal, am heutigen Tag.

Weltuntergang – warum eigentlich nicht?

Dieses Jahr soll es also soweit sein.
Der Weltuntergang steht bevor.
Wieder einmal.
Die letzten Male hat es ja aus irgendwelchen Gründen nie geklappt, aber diesmal stehen die Chancen ganz gut.
Sagen die Mayas. Beziehungsweise ihre Kalender.
Aber selbst da wird schon wieder relativiert und interpretiert.
Hektisch werden alle möglichen anderen Deutungen ausgegraben, die den Menschen die Angst nehmen sollen.
Aber warum?
Was wäre so schlimm an einem Weltuntergang?

Weltuntergang heißt, die gesamte Welt geht unter. Oder zerfällt. Oder explodiert.
Was auch immer – danach ist sie jedenfalls nicht mehr da.
Die ganze Welt. Es würde also nichts oder niemand mehr übrig bleiben, der darunter leiden könnte.
Wenn alle weg sind, ist keiner mehr da, dem es nach einem Weltuntergang schlecht ginge, der die anderen vermissen würde oder der in irgendwelchen Trümmern leben müsste.
Es wären ja alle und alles weg.
Warum können die meisten diese Vorstellung also nur so schwer, bzw. gar nicht ertragen?
Mitbekommen würden wir es ja nicht. Höchstens ganz kurz.
Und weder wir, noch Hinterbliebene, könnten danach um Menschen oder um das trauern, was man nicht mehr erleben oder sehen könnte – weil ja alle weg sind.
Damit dann natürlich auch sämtliche Probleme.
Angefangen bei den kleinen Dingen, die jeder mit sich herumträgt, bis hin zu den großen Staats- und Weltproblemen.
Wir müssten nicht mehr überlegen, wie wir es schaffen sollen, dass die Klimaerwärmung bis 2050 nicht mehr als 2 °C beträgt.
Griechenland wäre sein Schuldenproblem los und müsste nicht mehr lernen, ohne Korruption und Steuerhinterziehung auszukommen.
FDP.
Und uns bliebe eine weitere Folge des Dschungelcamps erspart.

Ich muss gestehen, ich finde die Vorstellung gar nicht so schlimm.
Aus den genannten (und allen weggelassenen) Gründen.

Die Bedingung, für einen guten Weltuntergang ist aber natürlich, dass er auch wirklich klappt. Komplett.
Kein guter Gedanke, dass doch noch ein paar Menschen, Tiere oder sonst was überleben könnten, die dann in dem Chaos hier zurechtkommen müssten.

Es liegt in der Natur der Sache, dass bei einem so großen Event auch eine Menge schief gehen kann – man hat es ja bei allen vergangenen, nicht stattgefundenen Weltuntergängen gesehen. Sie haben schlichtweg nicht funktioniert.
Das Risiko ist also relativ hoch, dass es auch diesmal nichts Halbes und nichts Ganzes wird.
Damit könnte ich dann nicht so gut leben – im wahrsten Sinne.

Also lieber Weltuntergang, wenn, dann bitte richtig.
Und wenn du nicht sicher bist, ob du das wirklich schaffst, dann lass es einfach.
So wie immer.

Der kleine Frieden

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Es ist kalt in diesen Tagen.
Draußen auch.
Ich gehe durch die Stadt, auf dem Weg nach Hause.
Die Dämmerung hat schon eingesetzt und leichter Schneegriesel fliegt durch die Luft.
Die Schneekristalle bleiben eine Weile auf meiner Jacke hängen, bevor sie schmelzen und die Form kleiner Wassertropfen annehmen.
Auf den Bürgersteigen liegt noch ein bisschen Schnee vom Vortag.

Ich schlendere die Straßen entlang und beobachte die Menschen die mir entgegenkommen oder in den Geschäften sind, an denen ich vorbei gehe.
Vor mir versucht eine Frau mit viel zu hohen Absätzen, ihren Hund zu bändigen.
Sie ist bemüht, betont locker zu bleiben, damit die Leute um sie herum nichts mitbekommen.
Aber jeder merkt es.
Und jeder grinst. Über die Schuhe.
High Heels mit Spikes – das wärs.

Ich gehe weiter und komme an einem kleinen Kino vorbei, in dem gleich die Abendvorführung beginnt. Es ist eins von diesen alten Programmkinos, mit einem Charme, den man in jedem Multiplex-Kino vergeblich sucht.
Wenn man ihn dort suchen würde.
Hier gibt es das beste Popcorn der Stadt. Der Duft steigt mir in die Nase.
„Eine große Tüte Portion Popcorn bitte. Nein, nur Popcorn – keinen Film.“

Ich gehe weiter und zumindest die Hand, die die Tüte hält wird etwas warm.
Das ist das leckerste Popcorn, was ich seit langem gegessen habe.
Es schneit stärker.
Ich mag das Geräusch, das entsteht, wenn man über frisch gefallenen Schnee läuft.
Auf den Straßen, durch die ich gehe wird es langsam ruhiger.
Das Wetter hingegen wird eher unruhiger.
Der bis gerade eben noch leichte Wind wird immer kräftiger, so dass der Schnee mir fast waagerecht ins Gesicht fliegt.

Auf der gegenüberliegenden Straßenseite sehe ich das Überbleibsel einer alten Bushaltestelle. Das Dach und eine der Seitenwände hat dem Verfall bisher noch tapfer standgehalten.
Ich gehe hinüber um mich unterzustellen, bis das Gröbste vorbei ist.
In der Ecke des Unterstands liegt eine zusammengerollte Decke und ein alter Rucksack, aus dem ein noch älterer Pullover heraushängt.
Aber es ist niemand in der Nähe.
Ich stehe popcornessend dicht angelehnt an der Seitenwand der Bushaltestelle und hoffe, dass sie zumindest diesen Abend noch hält.

„Das ist mein Platz.“
Eine raue, tiefe Stimme dringt ruhig aber bestimmt in meinen linkes Ohr.

Ich kann nicht einmal zusammenzucken – ich erstarre einfach nur.
Noch mehr, als ohnehin schon.
Ich schaffe es nicht, meinen Kopf nach links zu drehen sondern starre, mit weit offenen Augen und steigendem Puls, geradeaus ins Leere.
Da schiebt sich in mein Blickfeld der Oberkörper eines recht kräftigen, großen Mannes, er trägt eine dunkle Jacke, der verwaschene Schriftzug „NO FEAR!“ prangt in großen Buchstaben direkt vor meinen Augen.
Ich schlucke und wage es kaum zu atmen. Mein Blick wandert etwa anderthalb Köpfe höher und endet in einem verlebten, bärtigen und düster guckendem Gesicht.
„Das ist mein Platz hier.“ wiederholt er ruhig, aber unmissverständlich.
„Entschuldigung…“, ist das einzige was ich mit dünner Stimme hervorbringe.
In diesem Moment bereue ich, dass ich einen anderen Weg als sonst eingeschlagen hatte, nur weil ich noch ein bisschen durch den Schnee spazieren wollte.

„Es war plötzlich so stürmisch… und da wollte ich nur…“
„Bist nicht von hier, was?“
„Mmh.“
Ich sehe so etwas ähnliches wie ein Lächeln in seinem Gesicht und bin aus Gründen, die mir nicht ganz klar sind, irgendwie erleichtert.
„Rutsch mal ein Stück.“, seine Stimme ist immer noch rau, aber nicht mehr ganz so kühl.

Ich mache einen kleinen Schritt zur Seite und er stellt sich rechts neben mich, dicht an die Seitenwand.
Die Minuten vergehen, wir stehen still und ruhig nebeneinander und schauen dem Schneetreiben direkt vor unseren Augen zu.

„Popcorn?“, frage ich und halte ihm die Tüte hin.
Wieder ein Lächeln. Diesmal richtig.
„Ist ein guter Platz hier, hm?“
„Der Beste.“

Für A.S.

Es gibt Menschen, die wird man sein ganzes Leben nicht vergessen.

Als ich ihn kennengelernt habe, war er 10. Ich war 18.
Jetzt müsste er 20 sein. Hoffentlich.

Er war einer dieser ganz besonderen Jungen. Weil er einfach so war, wie er war.
Er hat soviel verstanden. Jeden Witz, jede Ironie, jedes ernste und jedes traurige Wort, jede Geste und jedes Augenverdrehen von mir, wenn wir wieder irgendwelche komischen Menschen gesehen haben. Und davon gibt es ja einige.
Dass er so war, wusste ich ungefähr eine Woche nachdem ich ihn kennengelernt hatte. Wir haben uns über ein Jahr lang fast jeden Tag gesehen – zusammen gespielt, gelernt, gelacht und gearbeitet.
Ich habe ihm viel erzählt und er hat mir viel erzählt. Aus seinem Leben.
Er kommt aus Marokko und wohnt bei seinen Eltern mit sieben älteren Geschwistern zusammen.
Ich habe seine Eltern kennengelernt und selten so eine Gastfreundschaft und Herzlichkeit vom ersten Moment an erlebt wie dort.
Kein Wunder, dass er so geworden ist, wie er es ist.
Er ist immer so gerne mit mir im Auto gefahren, weil er dann vorne sitzen durfte.
Und ich war froh, dass ich ein Auto hatte, in das ein Rollstuhl passte.

Es war wunderbar mit ihm in den Zoo zu fahren und ins Kino, ins Schwimmbad zu gehen oder mit der Schwebebahn alle Stationen abzufahren.
Ich werde nie seinen schelmischen Blick vergessen, als wir in der Schwebebahn saßen, er sich an der Haltestange festgehalten hat und eine ältere Frau mitleidig aber aufmunternd zu mir meinte: „Das macht er aber ganz toll, wie er sich da festhält!“
Ich starrte sie an. Ich wollte gerade anfangen, ihr einen Vortrag zu halten, ihr zu sagen, dass sie keine Ahnung habe und wieso sie ‚über’ ihn spricht, anstatt ‚mit’ ihm und ob sie meinen würde, das wäre ein Kunststück, was er dort macht.
Da schaute ich ihn an, sah wie er grinste, in sich hineinlachte und er es diesmal war, der die Augen verdrehte. (Das hatte er von mir, wie er mir später mal erzählte.)
Ich stockte.
„Jepp.“ entgegnete ich der Dame dann nur und grinste ihn danach an. Als sie ausstieg lachte er noch immer und meinte, in einer etwas undeutlichen, sie nachmachenden Sprache: „Das macht sie aber ganz toll, wie sie da einfach aussteigt.“ Ich liebte ihn dafür.
Er sprach meistens etwas undeutlich, manche Worte zog er länger, einige brauchten ein bisschen, bis sie aus ihm herauskamen. Aber ich habe ihn immer verstanden.

Es war eine intensive, bereichernde Zeit mit ihm an der Schule und wir waren ziemlich schnell unzertrennlich. Wir machten Rennen mit den Rollstühlen. Meist lieh mir dann ein anderes Kind seinen Elektrorolli – und trotzdem hatte ich keine Chance gegen ihn. Und das, obwohl er keinen Motor hatte.
Am schnellsten waren wir jedoch, wenn ich ihn schob und wir die langen Gänge in einem irren und halsbrecherischen Tempo hin und her jagten. Sobald ein Kollege auf dem Gang erschien, blieben wir stehen, hielten die Luft an (weil wir so außer Puste waren) und lächelten so nett und entspannt wie es eben ging. Oft kam dann ein wohlwollendes „Ach, ihr zwei…“ und der Kollege verschwand wieder.
Das erste was ich danach hörte war ein aufforderndes und lachendes „Weiter!!“.

Die meisten Kinder wurden mit Schulbussen abgeholt und manchmal habe ich mich einfach von seinem Fahrer mitnehmen lassen, damit wir noch ein bisschen zusammen durch die Stadt fahren konnten. Er wünschte es sich jedes Mal. Und er wusste, dass ich manchmal mit dem Zug in die Stadt kam.
Es gab kaum richtige Sitze in diesen Bussen, weil die meisten Kinder im Rollstuhl saßen.
Aber neben ihm war noch einer frei. Und so fuhren wir durch die Stadt, guckten uns die gestressten Menschen auf der Straße an und alberten mit den anderen Kindern herum.
Am Bahnhof habe ich mich dann absetzen lassen und bin mit der Straßenbahn wieder zurück zur Schule gefahren, an der mein Auto stand – weil ich an diesem Tag doch nicht mit dem Zug gekommen war.

Als mein Jahr an der Schule zu Ende ging, ging auch sein Jahr dort zu Ende. Er sollte nun auf eine andere Schule gehen. Eine, an der er besser gefördert werden konnte. Eine, wo er so gut und viel lernen konnte wie er es brauchte und wollte. Er kam auf eine, wie er sagte „richtige“ Schule.
Eine integrative – wo gesunde und körperbehinderte Kinder gemeinsam unterrichtet werden.
Das war das beste, was ihm passieren konnte – denn er gehörte zu den schlausten Jungen, die ich kenne.

Wir haben auch in den Jahren danach immer noch Dinge zusammen erlebt und unternommen. Meist habe ich ihn habe angerufen, weil er das Telefon nicht so gut bedienen konnte.
Er konnte seine Bewegungen nicht immer so steuern wie er wollte und traf dann nicht immer genau die Tasten, die er für meine Nummer brauchte.
Am ruhigsten wurde er, wenn er mit seinen Händen meine Hand festgehalten hat. Sie waren dann ganz entspannt und er spielte mit meinen Fingern herum.
Manchmal saßen wir einfach eine Weile auf der Wiese in der Sonne, den Rollstuhl am Rand abgestellt, und er hielt meine Hand in seinen und genoss es, dass er so ruhig war.
Und ich genoss es genauso.
Irgendwann war es mit der Ruhe aber dann doch vorbei – spätestens, wenn wir über die Wiese getollt sind und uns, ineinander verdreht, alle kleinen Hügel herunterrollen ließen, die wir finden konnten.
„Ich weiß nicht mehr wo dein Rollstuhl ist.“ sagte ich einmal zu ihm, als wir völlig erschöpft irgendwo liegen blieben.
„Ist doch egal…!“ strahlte er und lächelte mich an.

Es ist jetzt über fünf Jahre her, dass ich etwas von ihm gehört habe.
Wenn ich darüber nachdenke, warum wir uns weniger und schließlich gar nicht mehr sahen, dann weiß ich es bis heute nicht.
Unsere Leben gingen einfach weiter – die Abstände in denen wir uns sahen, wurden größer und irgendwann waren es keine Abstände mehr, sondern ein Zustand. Ein Zustand, den ich lieber heute als morgen wieder rückgängig machen würde.
„Warum eigentlich nicht?“, kam es mir eines Tages in den Sinn.
Ich begann, seine Telefonnummer in meinem Portemonnaie zu suchen, wo ich sie immer aufbewahrt hatte. Es war noch der Zettel, den sein Vater mir damals gab.
Ich fand sie nicht. Etwas hektischer werdend, leerte ich die gesamte Geldbörse auf dem Tisch aus. Es blieb dabei. Ich muss den Zettel verloren haben.
Ich fand nur sein Foto, was bis heute noch darin ist. Ich kramte überall im Haus nach dem Zettel, fand alte Bilder von uns und eine Collage die er mir mal gebastelt hatte.
(Ich habe noch nie eine so schöne, schief geklebte und verkrumpelte Collage bekommen, wie diese.)
Aber ich fand die Nummer nicht.
Sie standen nicht im Telefonbuch, das wusste ich und das hatte sich auch noch nicht geändert.

Ich rief in der Schule von damals an, in der es dummerweise mittlerweile eine neue Schulleiterin gab, die mich nicht mehr kannte.
Bei dem, was ich dieser dann erzählte, muss irgendetwas richtiges und erweichendes dabei gewesen sein, so dass sie nach einiger Zeit seine Akte suchte und mir die Nummer gab.
Ich war so froh.
Ihr „Viel Glück!“ am Ende des Telefonats ließ in mir aber wieder dieses flaue Gefühl aufsteigen. Ich kann in etwa erahnen, wie viele Beerdigungen von Kindern dieser Schule wohl gewesen sein müssen, seit ich nicht mehr dort war.
Mein Hals schnürte sich zu.
Sofort wählte ich die Nummer. Es war nachmittags – eine gute Zeit dachte ich, aber das hätte ich jetzt wahrscheinlich zu jeder Zeit gedacht.
„Die von Ihnen gewählte Nummer….“ – ich legte sofort wieder auf.
Mit pochendem Herzen überprüfte ich die Zahlen, die ich mehr geschmiert, als leserlich mitgeschrieben hatte und wählte sie aufs Neue.
„Die von Ihnen gewählte Nummer, ist zur Zeit nicht vergeben…“ Ich legte wieder auf.
Mir war schlecht.

Sie waren umgezogen. Irgendwo nach Köln oder Umgebung. Ich fand ihre Nummer nirgendwo und auch sonst konnte mir keiner helfen.

Ich habe ihn immer noch nicht wiedergefunden.
Vielleicht werde ich es auch nicht mehr.
In mir zieht sich alles zusammen, wenn ich mir vorstelle, dass ich ihn vielleicht auch gar nicht mehr wiedersehen ‚kann’.
Ich weiß, dass er eine kürzere Lebenserwartung hat, als gesunde Kinder. Und ich weiß, dass ich nichts daran ändern kann, wenn die Zeit schneller war als er.

Aber dann weiß ich auch wieder, dass es ihm natürlich noch gut geht… gut gehen muss.
Ich hole sein Foto aus meinem Portemonnaie und sehe, wie er mich anlächelt.
Dieses Lächeln kann noch nicht weg sein.

Er würde mit großer Wahrscheinlichkeit lachen, wenn ich ihm jetzt von meiner Sorge erzählte und er würde mich anschauen und sagen: „Quuuuatsch!“ Dann würde er meine Hand versuchen zu greifen, was ihm unter Anstrengung im 3. Anlauf auch gelänge und dann wäre er wieder ruhig und würde mit meinen Fingern spielen.
Bestimmt. Ganz bestimmt.

Ich werde ihn einfach weiter suchen. Damit ich ihm alles erzählen kann.
Und damit er lacht. Wie er immer gelacht hat.

Er ist der großartigste Junge, den ich bisher kennengelernt habe und wenn er bei seiner Geburt auch nur ein kleines bisschen mehr Sauerstoff bekommen hätte, dann wäre er ein gesunder Junge, der vielleicht in einem Fußballverein spielen würde oder bei der Feuerwehr wäre.
Ich weiß es nicht. Ich hätte ihn nicht kennengelernt.

Ich danke dir für alles, Abdi. Du hast mir Sachen beigebracht, die du selber nicht konntest.
Du hast mich zur besten Rollstuhl-Treppenhochträgerin gemacht, die ich sein konnte.
Und ich liebe dein Lachen, wenn ich dich, als wir oben angekommen waren, etwas zu rumpelig und hart wieder auf dem Boden abgesetzt habe, weil ich den Rollstuhl einfach nicht mehr halten konnte.

Ich möchte wieder deine Hand halten. Damit du ruhig werden kannst.

Es gibt Menschen, die wird man sein ganzes Leben nicht vergessen.
Du bist so ein Mensch.