Es gibt Menschen, die wird man sein ganzes Leben nicht vergessen.
Als ich ihn kennengelernt habe, war er 10. Ich war 18.
Jetzt müsste er 20 sein. Hoffentlich.
Er war einer dieser ganz besonderen Jungen. Weil er einfach so war, wie er war.
Er hat soviel verstanden. Jeden Witz, jede Ironie, jedes ernste und jedes traurige Wort, jede Geste und jedes Augenverdrehen von mir, wenn wir wieder irgendwelche komischen Menschen gesehen haben. Und davon gibt es ja einige.
Dass er so war, wusste ich ungefähr eine Woche nachdem ich ihn kennengelernt hatte. Wir haben uns über ein Jahr lang fast jeden Tag gesehen – zusammen gespielt, gelernt, gelacht und gearbeitet.
Ich habe ihm viel erzählt und er hat mir viel erzählt. Aus seinem Leben.
Er kommt aus Marokko und wohnt bei seinen Eltern mit sieben älteren Geschwistern zusammen.
Ich habe seine Eltern kennengelernt und selten so eine Gastfreundschaft und Herzlichkeit vom ersten Moment an erlebt wie dort.
Kein Wunder, dass er so geworden ist, wie er es ist.
Er ist immer so gerne mit mir im Auto gefahren, weil er dann vorne sitzen durfte.
Und ich war froh, dass ich ein Auto hatte, in das ein Rollstuhl passte.
Es war wunderbar mit ihm in den Zoo zu fahren und ins Kino, ins Schwimmbad zu gehen oder mit der Schwebebahn alle Stationen abzufahren.
Ich werde nie seinen schelmischen Blick vergessen, als wir in der Schwebebahn saßen, er sich an der Haltestange festgehalten hat und eine ältere Frau mitleidig aber aufmunternd zu mir meinte: „Das macht er aber ganz toll, wie er sich da festhält!“
Ich starrte sie an. Ich wollte gerade anfangen, ihr einen Vortrag zu halten, ihr zu sagen, dass sie keine Ahnung habe und wieso sie ‚über’ ihn spricht, anstatt ‚mit’ ihm und ob sie meinen würde, das wäre ein Kunststück, was er dort macht.
Da schaute ich ihn an, sah wie er grinste, in sich hineinlachte und er es diesmal war, der die Augen verdrehte. (Das hatte er von mir, wie er mir später mal erzählte.)
Ich stockte.
„Jepp.“ entgegnete ich der Dame dann nur und grinste ihn danach an. Als sie ausstieg lachte er noch immer und meinte, in einer etwas undeutlichen, sie nachmachenden Sprache: „Das macht sie aber ganz toll, wie sie da einfach aussteigt.“ Ich liebte ihn dafür.
Er sprach meistens etwas undeutlich, manche Worte zog er länger, einige brauchten ein bisschen, bis sie aus ihm herauskamen. Aber ich habe ihn immer verstanden.
Es war eine intensive, bereichernde Zeit mit ihm an der Schule und wir waren ziemlich schnell unzertrennlich. Wir machten Rennen mit den Rollstühlen. Meist lieh mir dann ein anderes Kind seinen Elektrorolli – und trotzdem hatte ich keine Chance gegen ihn. Und das, obwohl er keinen Motor hatte.
Am schnellsten waren wir jedoch, wenn ich ihn schob und wir die langen Gänge in einem irren und halsbrecherischen Tempo hin und her jagten. Sobald ein Kollege auf dem Gang erschien, blieben wir stehen, hielten die Luft an (weil wir so außer Puste waren) und lächelten so nett und entspannt wie es eben ging. Oft kam dann ein wohlwollendes „Ach, ihr zwei…“ und der Kollege verschwand wieder.
Das erste was ich danach hörte war ein aufforderndes und lachendes „Weiter!!“.
Die meisten Kinder wurden mit Schulbussen abgeholt und manchmal habe ich mich einfach von seinem Fahrer mitnehmen lassen, damit wir noch ein bisschen zusammen durch die Stadt fahren konnten. Er wünschte es sich jedes Mal. Und er wusste, dass ich manchmal mit dem Zug in die Stadt kam.
Es gab kaum richtige Sitze in diesen Bussen, weil die meisten Kinder im Rollstuhl saßen.
Aber neben ihm war noch einer frei. Und so fuhren wir durch die Stadt, guckten uns die gestressten Menschen auf der Straße an und alberten mit den anderen Kindern herum.
Am Bahnhof habe ich mich dann absetzen lassen und bin mit der Straßenbahn wieder zurück zur Schule gefahren, an der mein Auto stand – weil ich an diesem Tag doch nicht mit dem Zug gekommen war.
Als mein Jahr an der Schule zu Ende ging, ging auch sein Jahr dort zu Ende. Er sollte nun auf eine andere Schule gehen. Eine, an der er besser gefördert werden konnte. Eine, wo er so gut und viel lernen konnte wie er es brauchte und wollte. Er kam auf eine, wie er sagte „richtige“ Schule.
Eine integrative – wo gesunde und körperbehinderte Kinder gemeinsam unterrichtet werden.
Das war das beste, was ihm passieren konnte – denn er gehörte zu den schlausten Jungen, die ich kenne.
Wir haben auch in den Jahren danach immer noch Dinge zusammen erlebt und unternommen. Meist habe ich ihn habe angerufen, weil er das Telefon nicht so gut bedienen konnte.
Er konnte seine Bewegungen nicht immer so steuern wie er wollte und traf dann nicht immer genau die Tasten, die er für meine Nummer brauchte.
Am ruhigsten wurde er, wenn er mit seinen Händen meine Hand festgehalten hat. Sie waren dann ganz entspannt und er spielte mit meinen Fingern herum.
Manchmal saßen wir einfach eine Weile auf der Wiese in der Sonne, den Rollstuhl am Rand abgestellt, und er hielt meine Hand in seinen und genoss es, dass er so ruhig war.
Und ich genoss es genauso.
Irgendwann war es mit der Ruhe aber dann doch vorbei – spätestens, wenn wir über die Wiese getollt sind und uns, ineinander verdreht, alle kleinen Hügel herunterrollen ließen, die wir finden konnten.
„Ich weiß nicht mehr wo dein Rollstuhl ist.“ sagte ich einmal zu ihm, als wir völlig erschöpft irgendwo liegen blieben.
„Ist doch egal…!“ strahlte er und lächelte mich an.
Es ist jetzt über fünf Jahre her, dass ich etwas von ihm gehört habe.
Wenn ich nachdenke, warum wir uns weniger und schließlich gar nicht mehr sahen, dann weiß ich es bis heute nicht.
Unsere Leben gingen einfach weiter – die Abstände in denen wir uns sahen, wurden größer und irgendwann waren es keine Abstände mehr, sondern ein Zustand. Ein Zustand, den ich lieber heute als morgen wieder rückgängig machen würde.
„Warum eigentlich nicht?“, kam es mir eines Tages in den Sinn.
Ich begann, seine Telefonnummer in meinem Portemonnaie zu suchen, wo ich sie immer aufbewahrt hatte. Es war noch der Zettel, den sein Vater mir damals gab.
Ich fand sie nicht. Etwas hektischer werdend, leerte ich die gesamte Geldbörse auf dem Tisch aus. Es blieb dabei. Ich muss den Zettel verloren haben.
Ich fand nur sein Foto, was bis heute noch darin ist. Ich kramte überall im Haus nach dem Zettel, fand alte Bilder von uns und eine Collage die er mir mal gebastelt hatte.
(Ich habe noch nie eine so schöne, schief geklebte und verkrumpelte Collage bekommen, wie diese.)
Aber ich fand die Nummer nicht.
Sie standen nicht im Telefonbuch, das wusste ich und das hatte sich auch noch nicht geändert.
Ich rief in der Schule von damals an, in der es dummerweise mittlerweile eine neue Schulleiterin gab, die mich nicht mehr kannte.
Bei dem, was ich dieser dann erzählte, muss irgendetwas richtiges und erweichendes dabei gewesen sein, so dass sie nach einiger Zeit seine Akte suchte und mir die Nummer gab.
Ich war so froh.
Ihr „Viel Glück!“ am Ende des Telefonats ließ in mir aber wieder dieses flaue Gefühl aufsteigen. Ich kann in etwa erahnen, wie viele Beerdigungen von Kindern dieser Schule wohl gewesen sein müssen, seit ich nicht mehr dort war.
Mein Hals schnürte sich zu.
Sofort wählte ich die Nummer. Es war nachmittags – eine gute Zeit dachte ich, aber das hätte ich jetzt wahrscheinlich zu jeder Zeit gedacht.
„Die von Ihnen gewählte Nummer….“ – ich legte sofort wieder auf.
Mit pochendem Herzen überprüfte ich die Zahlen, die ich mehr geschmiert, als leserlich mitgeschrieben hatte und wählte sie aufs Neue.
„Die von Ihnen gewählte Nummer, ist zur Zeit nicht vergeben…“ Ich legte wieder auf.
Mir war schlecht.
Sie waren umgezogen. Irgendwo nach Köln oder Umgebung. Standen nicht im Telefonbuch und auch sonst konnte mir keiner helfen.
Ich habe ihn immer noch nicht wiedergefunden.
Vielleicht werde ich es auch nicht mehr.
In mir zieht sich alles zusammen, wenn ich mir vorstelle, dass ich ihn vielleicht auch gar nicht mehr wiedersehen ‚kann’.
Ich weiß, dass er eine kürzere Lebenserwartung hat, als gesunde Kinder. Und ich weiß, dass ich nichts daran ändern kann, wenn die Zeit schneller war als er.
Aber dann weiß ich auch wieder, dass es ihm natürlich noch gut geht… gut gehen muss.
Ich hole sein Foto aus meinem Portemonnaie und sehe, wie er mich anlächelt.
Dieses Lächeln kann noch nicht weg sein.
Er würde mit großer Wahrscheinlichkeit lachen, wenn ich ihm jetzt von meiner Sorge erzählen würde und er würde mich anschauen und sagen: „Quuuuatsch!“ Dann würde er meine Hand versuchen zu greifen, was ihm unter Anstrengung im 3. Anlauf auch gelingen würde und dann wäre er wieder ruhig und würde mit meinen Fingern spielen.
Bestimmt. Ganz bestimmt.
Ich werde ihn einfach weiter suchen. Damit ich ihm alles erzählen kann.
Und damit er lacht. Wie er immer gelacht hat.
Er ist der großartigste Junge, den ich bisher kennengelernt habe und wenn er bei seiner Geburt auch nur ein kleines bisschen mehr Sauerstoff bekommen hätte, dann wäre er ein gesunder Junge, der vielleicht in einem Fußballverein spielen würde oder bei der Feuerwehr wäre.
Ich weiß es nicht. Ich hätte ihn nicht kennengelernt.
Ich danke dir für alles, Abdi. Du hast mir Sachen beigebracht, die du selber nicht konntest.
Und du hast mich zur besten Rollstuhl-Treppenhochträgerin gemacht, die ich sein konnte.
Und ich liebe dein Lachen, wenn ich dich, als wir oben angekommen waren, etwas zu rumpelig und hart wieder auf dem Boden abgesetzt habe, weil ich den Rollstuhl einfach nicht mehr halten konnte.
Ich möchte wieder deine Hand halten. Damit du ruhig werden kannst.
Es gibt Menschen, die wird man sein ganzes Leben nicht vergessen.
Du bist so ein Mensch.