Weltuntergang – warum eigentlich nicht?

Dieses Jahr soll es also soweit sein.
Der Weltuntergang steht bevor.
Wieder einmal.
Die letzten Male hat es ja aus irgendwelchen Gründen nie geklappt, aber diesmal stehen die Chancen ganz gut.
Sagen die Mayas. Beziehungsweise ihre Kalender.
Aber selbst da wird schon wieder relativiert und interpretiert.
Hektisch werden alle möglichen anderen Deutungen ausgegraben, die den Menschen die Angst nehmen sollen.
Aber warum?
Was wäre so schlimm an einem Weltuntergang?

Weltuntergang heißt, die gesamte Welt geht unter. Oder zerfällt. Oder explodiert.
Was auch immer – danach ist sie jedenfalls nicht mehr da.
Die ganze Welt. Es würde also nichts oder niemand mehr übrig bleiben, der darunter leiden könnte.
Wenn alle weg sind, ist keiner mehr da, dem es nach einem Weltuntergang schlecht ginge, der die anderen vermissen würde oder der in irgendwelchen Trümmern leben müsste.
Es wären ja alle und alles weg.
Warum können die meisten diese Vorstellung also nur so schwer, bzw. gar nicht ertragen?
Mitbekommen würden wir es ja nicht. Höchstens ganz kurz.
Und weder wir, noch Hinterbliebene, könnten danach um Menschen oder um das trauern, was man nicht mehr erleben oder sehen könnte – weil ja alle weg sind.
Damit dann natürlich auch sämtliche Probleme.
Angefangen bei den kleinen Dingen, die jeder mit sich herumträgt, bis hin zu den großen Staats- und Weltproblemen.
Wir müssten nicht mehr überlegen, wie wir es schaffen sollen, dass die Klimaerwärmung bis 2050 nicht mehr als 2 °C beträgt.
Griechenland wäre sein Schuldenproblem los und müsste nicht mehr lernen, ohne Korruption und Steuerhinterziehung auszukommen.
FDP.
Und uns bliebe eine weitere Folge des Dschungelcamps erspart.

Ich muss gestehen, ich finde die Vorstellung gar nicht so schlimm.
Aus den genannten (und allen weggelassenen) Gründen.

Die Bedingung, für einen guten Weltuntergang ist aber natürlich, dass er auch wirklich klappt. Komplett.
Kein guter Gedanke, dass doch noch ein paar Menschen, Tiere oder sonst was überleben könnten, die dann in dem Chaos hier zurechtkommen müssten.

Es liegt in der Natur der Sache, dass bei einem so großen Event auch eine Menge schief gehen kann – man hat es ja bei allen vergangenen, nicht stattgefundenen Weltuntergängen gesehen. Sie haben schlichtweg nicht funktioniert.
Das Risiko ist also relativ hoch, dass es auch diesmal nichts Halbes und nichts Ganzes wird.
Damit könnte ich dann nicht so gut leben – im wahrsten Sinne.

Also lieber Weltuntergang, wenn, dann bitte richtig.
Und wenn du nicht sicher bist, ob du das wirklich schaffst, dann lass es einfach.
So wie immer.

Der kleine Frieden

Es ist kalt in diesen Tagen.
Draußen auch.
Ich gehe durch die Stadt, auf dem Weg nach Hause.
Die Dämmerung hat schon eingesetzt und leichter Schneegriesel fliegt durch die Luft.
Die Schneekristalle bleiben eine Weile auf meiner Jacke hängen, bevor sie schmelzen und die Form kleiner Wassertropfen annehmen.
Auf den Bürgersteigen liegt noch ein bisschen Schnee vom Vortag.

Ich schlendere die Straßen entlang und beobachte die Menschen die mir entgegenkommen oder in den Geschäften sind, an denen ich vorbei gehe.
Vor mir versucht eine Frau mit viel zu hohen Absätzen, ihren Hund zu bändigen.
Sie ist bemüht, betont locker zu bleiben, damit die Leute um sie herum nichts mitbekommen.
Aber jeder merkt es.
Und jeder grinst. Über die Schuhe.
High Heels mit Spikes – das wärs.

Ich gehe weiter und komme an einem kleinen Kino vorbei, in dem gleich die Abendvorführung beginnt. Es ist eins von diesen alten Programmkinos, mit einem Charme, den man in jedem Multiplex-Kino vergeblich sucht.
Wenn man ihn dort suchen würde.
Hier gibt es das beste Popcorn der Stadt. Der Duft steigt mir in die Nase.
„Eine große Tüte Portion Popcorn bitte. Nein, nur Popcorn – keinen Film.“

Ich gehe weiter und zumindest die Hand, die die Tüte Popcorn hält wird etwas warm.
Das ist das leckerste Popcorn, was ich seit langem gegessen habe.

Es schneit stärker.
Ich mag das Geräusch, das entsteht, wenn man über frisch gefallenen Schnee läuft.
Auf den Straßen, durch die ich gehe wird es langsam ruhiger.

Das Wetter hingegen wird eher unruhiger.
Der bis gerade eben noch leichte Wind wird immer kräftiger, so dass der Schnee mir fast waagerecht ins Gesicht fliegt.

Auf der gegenüberliegenden Straßenseite sehe ich das Überbleibsel einer alten Bushaltestelle. Das Dach und eine der Seitenwände hat dem Verfall bisher noch tapfer standgehalten.
Ich gehe hinüber um mich unterzustellen, bis das Gröbste vorbei ist.

In der Ecke des Unterstands liegt eine zusammengerollte Decke und ein alter Rucksack, aus dem ein alter Pullover heraushängt. Aber es ist niemand in der Nähe.

Ich stehe popcornessend dicht angelehnt an der Seitenwand der Bushaltestelle und hoffe, dass sie zumindest diesen Abend noch hält.

„Entschuldigung, das ist mein Platz.“
Eine raue, tiefe Stimme dringt ruhig aber bestimmt in meinen linkes Ohr.

Ich kann nicht einmal zusammenzucken – ich erstarre einfach nur.
Noch mehr, als ohnehin schon.
Ich schaffe es nicht, meinen Kopf nach links zu drehen sondern starre mit weit offenen Augen und steigendem Puls geradeaus ins Leere.
Da schiebt sich in mein Blickfeld der Oberkörper eines recht kräftigen, großen Mannes, er trägt eine dunkle Jacke, der verwaschene Schriftzug „NO FEAR!“ prangt in großen Buchstaben direkt vor meinen Augen.
Ich schlucke und wage es kaum zu atmen. Mein Blick wandert etwa anderthalb Köpfe höher und endet in einem verlebten, bärtigen und düster guckendem Gesicht.
„Das ist mein Platz hier.“ wiederholt er ruhig, aber unmissverständlich.
„Entschuldigung…“, ist das einzige was ich mit dünner Stimme hervorbringe.
In diesem Moment bereue ich, dass ich einen anderen Weg als sonst eingeschlagen hatte, nur weil ich noch ein bisschen durch den Schnee spazieren wollte.

„Es war plötzlich so stürmisch… und da wollte ich nur…“
„Bist nicht von hier, was?“
„Hm.“

Ich sehe so etwas ähnliches wie ein Lächeln in seinem Gesicht und bin aus Gründen, die mir nicht ganz klar sind, irgendwie erleichtert.

„Rutsch mal ein Stück.“, seine Stimme ist immer noch rau, aber nicht mehr ganz so kühl.

Ich mache einen kleinen Schritt zur Seite und er stellt sich rechts neben mich, dicht an die Seitenwand.

Die Minuten vergehen, wir stehen still und ruhig nebeneinander und schauen dem Schneetreiben direkt vor unseren Augen zu.

„Popcorn?“, frage ich und halte ihm die Tüte entgegen.

Wieder ein Lächeln. Diesmal richtig.

„Ist ein guter Platz hier, hm?“
„Der Beste.“

Für A.S.

Es gibt Menschen, die wird man sein ganzes Leben nicht vergessen.

Als ich ihn kennengelernt habe, war er 10. Ich war 18.
Jetzt müsste er 20 sein. Hoffentlich.

Er war einer dieser ganz besonderen Jungen. Weil er einfach so war, wie er war.
Er hat soviel verstanden. Jeden Witz, jede Ironie, jedes ernste und jedes traurige Wort, jede Geste und jedes Augenverdrehen von mir, wenn wir wieder irgendwelche komischen Menschen gesehen haben. Und davon gibt es ja einige.
Dass er so war, wusste ich ungefähr eine Woche nachdem ich ihn kennengelernt hatte. Wir haben uns über ein Jahr lang fast jeden Tag gesehen – zusammen gespielt, gelernt, gelacht und gearbeitet.
Ich habe ihm viel erzählt und er hat mir viel erzählt. Aus seinem Leben.
Er kommt aus Marokko und wohnt bei seinen Eltern mit sieben älteren Geschwistern zusammen.
Ich habe seine Eltern kennengelernt und selten so eine Gastfreundschaft und Herzlichkeit vom ersten Moment an erlebt wie dort.
Kein Wunder, dass er so geworden ist, wie er es ist.
Er ist immer so gerne mit mir im Auto gefahren, weil er dann vorne sitzen durfte.
Und ich war froh, dass ich ein Auto hatte, in das ein Rollstuhl passte.

Es war wunderbar mit ihm in den Zoo zu fahren und ins Kino, ins Schwimmbad zu gehen oder mit der Schwebebahn alle Stationen abzufahren.
Ich werde nie seinen schelmischen Blick vergessen, als wir in der Schwebebahn saßen, er sich an der Haltestange festgehalten hat und eine ältere Frau mitleidig aber aufmunternd zu mir meinte: „Das macht er aber ganz toll, wie er sich da festhält!“
Ich starrte sie an. Ich wollte gerade anfangen, ihr einen Vortrag zu halten, ihr zu sagen, dass sie keine Ahnung habe und wieso sie ‚über’ ihn spricht, anstatt ‚mit’ ihm und ob sie meinen würde, das wäre ein Kunststück, was er dort macht.
Da schaute ich ihn an, sah wie er grinste, in sich hineinlachte und er es diesmal war, der die Augen verdrehte. (Das hatte er von mir, wie er mir später mal erzählte.)
Ich stockte.
„Jepp.“ entgegnete ich der Dame dann nur und grinste ihn danach an. Als sie ausstieg lachte er noch immer und meinte, in einer etwas undeutlichen, sie nachmachenden Sprache: „Das macht sie aber ganz toll, wie sie da einfach aussteigt.“ Ich liebte ihn dafür.
Er sprach meistens etwas undeutlich, manche Worte zog er länger, einige brauchten ein bisschen, bis sie aus ihm herauskamen. Aber ich habe ihn immer verstanden.

Es war eine intensive, bereichernde Zeit mit ihm an der Schule und wir waren ziemlich schnell unzertrennlich. Wir machten Rennen mit den Rollstühlen. Meist lieh mir dann ein anderes Kind seinen Elektrorolli – und trotzdem hatte ich keine Chance gegen ihn. Und das, obwohl er keinen Motor hatte.
Am schnellsten waren wir jedoch, wenn ich ihn schob und wir die langen Gänge in einem irren und halsbrecherischen Tempo hin und her jagten. Sobald ein Kollege auf dem Gang erschien, blieben wir stehen, hielten die Luft an (weil wir so außer Puste waren) und lächelten so nett und entspannt wie es eben ging. Oft kam dann ein wohlwollendes „Ach, ihr zwei…“ und der Kollege verschwand wieder.
Das erste was ich danach hörte war ein aufforderndes und lachendes „Weiter!!“.

Die meisten Kinder wurden mit Schulbussen abgeholt und manchmal habe ich mich einfach von seinem Fahrer mitnehmen lassen, damit wir noch ein bisschen zusammen durch die Stadt fahren konnten. Er wünschte es sich jedes Mal. Und er wusste, dass ich manchmal mit dem Zug in die Stadt kam.
Es gab kaum richtige Sitze in diesen Bussen, weil die meisten Kinder im Rollstuhl saßen.
Aber neben ihm war noch einer frei. Und so fuhren wir durch die Stadt, guckten uns die gestressten Menschen auf der Straße an und alberten mit den anderen Kindern herum.
Am Bahnhof habe ich mich dann absetzen lassen und bin mit der Straßenbahn wieder zurück zur Schule gefahren, an der mein Auto stand – weil ich an diesem Tag doch nicht mit dem Zug gekommen war.

Als mein Jahr an der Schule zu Ende ging, ging auch sein Jahr dort zu Ende. Er sollte nun auf eine andere Schule gehen. Eine, an der er besser gefördert werden konnte. Eine, wo er so gut und viel lernen konnte wie er es brauchte und wollte. Er kam auf eine, wie er sagte „richtige“ Schule.
Eine integrative – wo gesunde und körperbehinderte Kinder gemeinsam unterrichtet werden.
Das war das beste, was ihm passieren konnte – denn er gehörte zu den schlausten Jungen, die ich kenne.

Wir haben auch in den Jahren danach immer noch Dinge zusammen erlebt und unternommen. Meist habe ich ihn habe angerufen, weil er das Telefon nicht so gut bedienen konnte.
Er konnte seine Bewegungen nicht immer so steuern wie er wollte und traf dann nicht immer genau die Tasten, die er für meine Nummer brauchte.
Am ruhigsten wurde er, wenn er mit seinen Händen meine Hand festgehalten hat. Sie waren dann ganz entspannt und er spielte mit meinen Fingern herum.
Manchmal saßen wir einfach eine Weile auf der Wiese in der Sonne, den Rollstuhl am Rand abgestellt, und er hielt meine Hand in seinen und genoss es, dass er so ruhig war.
Und ich genoss es genauso.
Irgendwann war es mit der Ruhe aber dann doch vorbei – spätestens, wenn wir über die Wiese getollt sind und uns, ineinander verdreht, alle kleinen Hügel herunterrollen ließen, die wir finden konnten.
„Ich weiß nicht mehr wo dein Rollstuhl ist.“ sagte ich einmal zu ihm, als wir völlig erschöpft irgendwo liegen blieben.
„Ist doch egal…!“ strahlte er und lächelte mich an.

Es ist jetzt über fünf Jahre her, dass ich etwas von ihm gehört habe.
Wenn ich nachdenke, warum wir uns weniger und schließlich gar nicht mehr sahen, dann weiß ich es bis heute nicht.
Unsere Leben gingen einfach weiter – die Abstände in denen wir uns sahen, wurden größer und irgendwann waren es keine Abstände mehr, sondern ein Zustand. Ein Zustand, den ich lieber heute als morgen wieder rückgängig machen würde.
„Warum eigentlich nicht?“, kam es mir eines Tages in den Sinn.
Ich begann, seine Telefonnummer in meinem Portemonnaie zu suchen, wo ich sie immer aufbewahrt hatte. Es war noch der Zettel, den sein Vater mir damals gab.
Ich fand sie nicht. Etwas hektischer werdend, leerte ich die gesamte Geldbörse auf dem Tisch aus. Es blieb dabei. Ich muss den Zettel verloren haben.
Ich fand nur sein Foto, was bis heute noch darin ist. Ich kramte überall im Haus nach dem Zettel, fand alte Bilder von uns und eine Collage die er mir mal gebastelt hatte.
(Ich habe noch nie eine so schöne, schief geklebte und verkrumpelte Collage bekommen, wie diese.)
Aber ich fand die Nummer nicht.
Sie standen nicht im Telefonbuch, das wusste ich und das hatte sich auch noch nicht geändert.

Ich rief in der Schule von damals an, in der es dummerweise mittlerweile eine neue Schulleiterin gab, die mich nicht mehr kannte.
Bei dem, was ich dieser dann erzählte, muss irgendetwas richtiges und erweichendes dabei gewesen sein, so dass sie nach einiger Zeit seine Akte suchte und mir die Nummer gab.
Ich war so froh.
Ihr „Viel Glück!“ am Ende des Telefonats ließ in mir aber wieder dieses flaue Gefühl aufsteigen. Ich kann in etwa erahnen, wie viele Beerdigungen von Kindern dieser Schule wohl gewesen sein müssen, seit ich nicht mehr dort war.
Mein Hals schnürte sich zu.
Sofort wählte ich die Nummer. Es war nachmittags – eine gute Zeit dachte ich, aber das hätte ich jetzt wahrscheinlich zu jeder Zeit gedacht.
„Die von Ihnen gewählte Nummer….“ – ich legte sofort wieder auf.
Mit pochendem Herzen überprüfte ich die Zahlen, die ich mehr geschmiert, als leserlich mitgeschrieben hatte und wählte sie aufs Neue.
„Die von Ihnen gewählte Nummer, ist zur Zeit nicht vergeben…“ Ich legte wieder auf.
Mir war schlecht.

Sie waren umgezogen. Irgendwo nach Köln oder Umgebung. Standen nicht im Telefonbuch und auch sonst konnte mir keiner helfen.

Ich habe ihn immer noch nicht wiedergefunden.
Vielleicht werde ich es auch nicht mehr.
In mir zieht sich alles zusammen, wenn ich mir vorstelle, dass ich ihn vielleicht auch gar nicht mehr wiedersehen ‚kann’.
Ich weiß, dass er eine kürzere Lebenserwartung hat, als gesunde Kinder. Und ich weiß, dass ich nichts daran ändern kann, wenn die Zeit schneller war als er.

Aber dann weiß ich auch wieder, dass es ihm natürlich noch gut geht… gut gehen muss.
Ich hole sein Foto aus meinem Portemonnaie und sehe, wie er mich anlächelt.
Dieses Lächeln kann noch nicht weg sein.

Er würde mit großer Wahrscheinlichkeit lachen, wenn ich ihm jetzt von meiner Sorge erzählen würde und er würde mich anschauen und sagen: „Quuuuatsch!“ Dann würde er meine Hand versuchen zu greifen, was ihm unter Anstrengung im 3. Anlauf auch gelingen würde und dann wäre er wieder ruhig und würde mit meinen Fingern spielen.
Bestimmt. Ganz bestimmt.

Ich werde ihn einfach weiter suchen. Damit ich ihm alles erzählen kann.
Und damit er lacht. Wie er immer gelacht hat.

Er ist der großartigste Junge, den ich bisher kennengelernt habe und wenn er bei seiner Geburt auch nur ein kleines bisschen mehr Sauerstoff bekommen hätte, dann wäre er ein gesunder Junge, der vielleicht in einem Fußballverein spielen würde oder bei der Feuerwehr wäre.
Ich weiß es nicht. Ich hätte ihn nicht kennengelernt.

Ich danke dir für alles, Abdi. Du hast mir Sachen beigebracht, die du selber nicht konntest.
Und du hast mich zur besten Rollstuhl-Treppenhochträgerin gemacht, die ich sein konnte.
Und ich liebe dein Lachen, wenn ich dich, als wir oben angekommen waren, etwas zu rumpelig und hart wieder auf dem Boden abgesetzt habe, weil ich den Rollstuhl einfach nicht mehr halten konnte.

Ich möchte wieder deine Hand halten. Damit du ruhig werden kannst.

Es gibt Menschen, die wird man sein ganzes Leben nicht vergessen.
Du bist so ein Mensch.

Wie weit ist weit?

Ich sitze im Café und denke an dich. Du bist nicht hier. Du bist weit weg.
Viel zu weit weg.

Was ist weit?

Wenn ich ein Kind frage, wo sein bester Freund wohnt, dann wird es mir sagen „Nicht so weit weg – meine Mama kann mich mit dem Auto schnell hin fahren.“
Wenn ich es frage, wo der Vogel ist, den es gerade beobachtet, dann wird es mir antworten
„Der ist ganz weit weg da oben, guck doch wie klein er ist.“
Ich werde ihm nicht erklären, dass der Vogel doch viel näher ist, als sein Freund.

Wenn ich die Mutter frage, deren Tochter gerade im Ausland ist, dann wird sie mir erzählen, wie weit weg ihre Kleine ist, dort in New York. Ja… 6000 km sind weit. Das stimmt.
Wenn ich einen Piloten frage, wohin sein nächster Flug geht, wird er mir sagen „Nur nach New York – das ist okay. Hong Kong, das wäre weit.“

Wie weit ist weit?

Ich stehe am Strand und schaue aufs Meer. Ich liebe das Meer.
Wasser bis zum Horizont. So weit das Auge reicht.
Und draußen dümpelt ein kleiner Kutter in den Wellen, der seine Netze ausgeworfen hat.
Weit draußen.
„Schwimm nicht so weit raus!“ ruft ein Vater zu seinem Sohn – obwohl dieser gerade mal 20 Meter im Wasser ist. Weit genug, findet der Vater.

Ich gehe durch die Stadt und beobachte die Menschen.
Wie sie hektisch hin und her laufen, weil sie noch ganz dringend irgendwelche Dinge besorgen müssen oder weil sie sonst zu spät zu einem Termin kommen.
Ich höre, wie sich ein junges Paar vor einem Schaufenster darüber unterhält, was ihnen in ihrer neuen Wohnung wichtig ist.
Mir wäre nichts davon wichtig.
Ihr Denken ist weit weg für mich.
Ich sehe, wie eine kleine alte Frau in einem Hauseingang versucht an die oberste Klingel zu kommen. Sie schafft es nicht. Der Klingelknopf ist einfach viel zu weit oben.
Ich gehe hin und klingele für sie. Für mich ist es genau die richtige Höhe.

Ich sitze im Café und denke an dich.
Und selbst wenn du nur einen Tisch weiter sitzen würdest, wärest du noch zu weit weg.

Das letzte Mal

Was erzählt man jemandem, wenn man ihn das letzte Mal sieht?
Wenn man weiß, dass man ihn das letzte Mal sieht.
Ich kenne dich nun schon einige Jahre und seit längerer Zeit weiß ich, dass irgendwann der Tag kommt, an dem ich dich das letzte Mal sehen werde.
Dieser Tag kommt bei jedem Menschen, das stimmt. Aber bei den meisten weiß man es vorher nicht.
Oft denkt man sich später „Hätte ich nur gewusst, dass dies das letzte Treffen war, dann hätte ich ihm noch das und das erzählt.“
„Das und das.“ Doch was sollte das sein?

Jetzt weiß ich es vorher und habe damit die Chance, dass ich mir diesen „Vorwurf“ später nicht machen muss. Ich kann es mir ja überlegen.
Ab jetzt.

Die Gedanken daran lassen mich nicht mehr los.
Ich werde dich in den nächsten Wochen noch öfter sehen und dir jedes Mal etwas von dem erzählen, was ich als schön, wichtig oder wertvoll empfinde.

Ich erzähle dir vom Meer.
Wir waren auch schon zusammen dort.
Ich habe ein paar Fotos mitgebracht, die wir uns gemeinsam anschauen. Es sind schöne Bilder, mit noch schöneren Erinnerungen. Auf einem kann man sehen, wie du vor der ankommenden Welle weg springst, weil du noch nicht so weit warst mit dem Schuhe ausziehen. Du entwischst der Welle, aber der schon ausgezogene Schuh wird von ihr erfasst.
Wir lachen beide.
Überhaupt lachen wir viel an diesem Nachmittag. Ein guter Nachmittag

Ich erzähle dir von den Bergen. Du warst seit deiner Kindheit nicht mehr dort – ich bin jedes Jahr zum Skifahren da. Auch wieder Bilder.
Ich erzähle vom Schnee, von den Gletschern und den kleinen Wasserfällen im Frühjahr, wenn es im Dorf schon wärmer ist und der Schnee zu schmelzen beginnt. Und ich erzähle dir die Geschichte, von dem tollen Skilift-Mann, der einmal jemanden den ganzen Berg hinunter verfolgt hat, weil dieser einem anderen die Stöcke geklaut hatte.
Kleine Helden.

Es geht dir zusehends schlechter und ich weiß, dass meine Urlaubsgeschichten nun langsam aber sicher den wirklich wichtigen Dingen weichen müssen, die ich dir noch erzählen wollte.
Dann fällt mir wieder ein, wie viel Spaß wir bei jeder einzelnen Erzählung hatten und wie sehr du dich gefreut hast – über jedes kleine Detail.

Es folgten noch viele schöne und intensive Abende.
Abende, an denen wir gelacht, geweint, geschwiegen, aber natürlich auch viel geredet und erzählt haben.

Eines Tages war es soweit.
Das nicht zu vermeidende letzte Treffen stand bevor.
Dir ging es die letzten Tage schon schlechter, du konntest nur noch im Bett liegen, warst erschöpft und müde. Aber im Geist und im Blick noch so wach wie immer.
Ich saß an deinem Bett und wusste nicht, was ich sagen sollte.
Du warst es, der sprach. Schwach und leise. Aber klar und deutlich.
Du warst es, der versuchte mich zu trösten, der sich für all das Erzählte der letzten Wochen bedankte.
Ich saß da und war wie in Trance. Das genau war doch der Moment, auf den ich mich die ganze Zeit vorbereitet hatte. Ich hatte immer überlegt, was das Letzte ist, was ich dir sagen wollte. Und nun konnte ich nichts, außer deine Hand zu halten und dir zuzuhören.

Irgendwann war der Moment gekommen, in dem ich bereit war zu gehen.
Dich zu lassen.
Ich schaute dich an.
„Es ist nicht das letzte Mal, dass wir uns sehen.“ hörte ich mich sagen.
Ich log dich an. Weil ich es nicht ertragen konnte, dir etwas anderes zu sagen.
Und weil ich die Freude darüber in deinen Augen sah und dich mit diesem guten Gefühl zurücklassen wollte. Nicht mit einem Gefühl der Trauer.
Wir umarmten uns und langsam verließ ich das Zimmer.

Ich ging zum Auto und Tränen rannen über meine Wangen. Ich fühlte mich so leer, wie man sich nur fühlen kann. Noch leerer.
Eine halbe Stunde saß ich im Auto, ehe ich den Motor starten konnte.

“Es ist nicht das letzte Mal, dass wir uns sehen.“ – mein letzter Satz ging mir nicht mehr aus dem Kopf.
Ich sprang aus dem Auto und lief zurück zum Haus.
Ich rannte.
So schnell, wie schon lange nicht mehr. Es fing an zu regnen.
Immer stärker.
Die Regentropfen vermischten sich mit den Tränen in meinem Gesicht.
„Wie konnte ich nur!?“ schoss es immer wieder durch meinen Kopf und ich rannte noch schneller.

Als ich an deiner Zimmertüre ankam, überschlug sich mein Herz fast.
Ich war bis auf die Haut durchnässt, völlig außer Atem, zitterte am ganzen Körper.
Das Wasser aus meiner Kleidung tropfte auf den Boden und es bildete sich eine kleine Pfütze.
Ich atmete tief durch und drückte die Türklinke herunter.

Du lagst im Bett. Die Augen geschlossen.
Mein Kreislauf hielt mich nur so gerade eben noch auf den Beinen.
Langsam, zitternd, näherte ich mich dir.
Du öffnetest die Augen, drehtest deinen Kopf leicht zur Seite und sahst zu mir.
Die Erleichterung, die mich in diesem Moment überkam, war nicht in Worte zu fassen.

Du lächeltest mich an.
Ich nahm dich in den Arm und hielt dich so fest wie ich konnte.
„Jetzt ist es das letzte Mal…“ flüsterte ich leise in dein Ohr.

„Ich weiß.“ war das Letzte was du sagtest.